Donnerstag, 26. Mai 2016

Wieviel Mama muss ich sein um eine Supermama zu sein - und was macht Papa anders?!

Jetzt bin ich schon seit über einem Jahr Zweifachmama. Die Elternzeit ist offiziell rum und ich habe im Gegensatz zu so vielen meiner Mitmuttis keinen geregelten Bürojob in den ich zurückkehren könnte. Ich bin selbstständig. Ich arbeite längst wieder.

Das Elterngeld, das mir zustand war ein Fliegenschiss im Vergleich zu dem, was Angestellte bekommen. Die sich aber gerne über ihr Zuwenig beschweren und auf sehr hohem Niveau jammern. "Seid doch mal zufrieden mit dem was ihr habt!", möchte ich ihnen manchmal an den Kopf schmeißen. Ihr wisst es überhaupt nicht mehr zu schätzen.

Unsereins, die Selbstständigen, die Freischaffenden, die müssen um jeden Kunden kämpfen. Wir müssen uns gut verkaufen, oft eine Faust in der Tasche machen und haben weder geregelte Arbeitszeiten, noch ein sicheres Einkommen. Wenn wir krank sind, dann kommt nichts in die Kasse und bezahlten Urlaub gibt es auch nicht.

Aber vorverurteilt werden wir gerne. Selbstständige haben jede Menge Freizeit und jede Menge Kohle scheint die weitverbreitete Meinung zu sein. Was werde ich oft ungeniert beneidet, dass ich mir doch meine Zeit selbst einteilen kann.

Leute, die Zeiten sind vorbei. Seit ziemlich genau 13 Monaten. Da nämlich wurde mein Zeiteinteiler geboren. Den ich über alles liebe, die ich niemals wieder missen möchte, deren Dasein mich vervollständigt und über die Maßen glücklich macht (seht ihr, wie ich mich mal wieder rechtfertige!?) Die aber seit ihrer Geburt darüber entscheidet, wann und wieviel ich arbeite.
Ich arbeite wenn sie schläft. Wenn sie schläft.
Ich arbeite, wenn sie schläft und die Wäsche aufgehängt ist..
Ich arbeite, wenn sie schläft, ich die Wäsche aufgehängt  und ich die nächste Maschine beladen hab.
Ich arbeite, wenn sie schläft, ich die Wäsche aufgehängt habe, die nächste Maschine läuft und ich gestaubsaugt habe.
Ich arbeite, wenn sie schläft,  ich die Wäsche aufgehängt habe, die nächste Maschine läuft, ich gestaubsaugt habe und die erste Maschine Wäsche gefaltet ist.
Ich arbeite, wenn sie schläft,  ich die Wäsche aufgehängt habe, die nächste Maschine läuft, ich gestaubsaugt habe, die erste Maschine Wäsche gefaltet ist und ich die Wäsche weggeräumt habe.
Ich arbeite, wenn sie schläft,  ich die Wäsche aufgehängt habe, die nächste Maschine läuft, ich gestaubsaugt habe, die erste Maschine Wäsche gefaltet ist, ich die Wäsche weggeräumt habe und die Spülmaschine ausgeräumt habe.
Ich arbeite, wenn sie schläft,  ich die Wäsche aufgehängt habe, die nächste Maschine läuft, ich gestaubsaugt habe, die erste Maschine Wäsche gefaltet ist, ich die Wäsche weggeräumt habe, die Spülmaschine ausgeräumt ist und das Essen gekocht.
Ich arbeite, wenn...ach, da ist sie schon wieder wach. Oder ich bin selbst eingeschlafen.

Achja, ich bin nur falsch organisiert! Richtig, warum arbeite ich nicht wenn sie tatsächlich schläft und erledige den Haushalt und all die anderen Aufgaben mit ihr gemeinsam, wenn sie wach ist. Daraus kann man doch ein prima Spiel machen! Ja, diesen Goldwerten Ratschlag bekam ich schon des öfteren zu hören. Nicht, dass ich nicht schon selbst auf die Idee gekommen wäre. Also habe ich das Kind in den Wäschekorb gesetzt, ihr einen Becher und einen Löffel zum Musik machen gegeben und nebenher die Wäsche in die Maschine geräumt. Ich habe sie in den Kinderwagen gesetzt und lustige Liedchen gesungen, während sie mir beim Wäsche aufhängen zusah. Ich habe sie mit exklusivem Spielzeug abzulenken versucht, wenn ich bügeln wollte, aber Gefahr lief, dass sie mir das Bügelbrett samt heißem Bügeleisen runterreißt. Ich habe sie in der Küche "ihre" Schublade ausräumen lassen, während ich versuchte etwas zu Essen zu zaubern. Und? Wie es geklappt hat?

Manchmal gar nicht. Dann ließ sie sich einfach nicht bespielen und ablenken. Und egal ob oder wie gut meine Ablenkungsmanöver und Beschäftigungstherapien funktionierten; am Ende eines solchen Tages war da dieser fahle Nachgeschmack und das Gefühl an diesem Tag zwar bei meinem Kind, aber nicht mit meinem Kind gewesen zu sein. Und der Satz "Dein Alltag ist meine Kindheit" kommt mir wieder in den Sinn und ich wälze mich nachts vor schlechtem Gewissen im Bett hin und her.
Aber ich hab mir an diesem Tag wenigstens MEINE Zeit frei eingeteilt und die meiner Tochter gleich mit. Wie gut, dass die Große bei Papa wohnt, ich käme ja zu nichts!

Der ist im Übrigen auch selbstständig. Der könnte sich mehr Zeit fürs Kind nehmen, tut es aber nicht. Aber die Zeit, die er sich nimmt, dafür bekommt er stehende Ovationen. Er wird gefeiert, weil er sich im Elternvorsitz der Schule engagiert, weil er die Elterntreffen organisiert, oder mal wieder eine Sitzgelegenheit für die Schule spendet. Er wird von den Müttern angehimmelt, bewundert und bekommt in einer Tour Honig um den Bauchnabel geschmiert. Kommt er als Letzter zu einem Treffen, dann rollt man ihm den roten Teppich aus "Wie schön, dass du es einrichten konntest!". Komme ich, abgehetzt und natürlich wie immer zu spät, ist man meine Unpünktlichkeit schon gewöhnt. Ich steh wahrscheinlich zu lange vorm Spiegel und werde entweder gar nicht mehr, mit verständnislosen Blicken oder mit "Kommst du auch mal endlich" begrüßt. Dass meine Kurze - als Mama nach ihrem Programm "Duschen, föhnen, schminken in unter 20 Minuten" - die Windel bis unter die Achseln voll hatte und während meines Programms und ihrem Windelwechsel permanent gebrüllt hat, das behalte ich für mich, lächle verlegen und fühle mich schlecht.

Was macht ER anders als ich? Ganz einfach. Er ist ein Mann. Er ist Alleinerziehender Vater und hat damit schon mal eine ganze Menge Vorschusslorbeeren. Denn mit der Mutter muss ja etwas Schlimmes passiert sein, drogenabhängig, depressiv in einer geschlossenen Anstalt oder gar tot, dass sie ihr Kind nicht selbst groß zieht. Und damit wird schon mal vorausgesetzt, dass der arme Mann schon sehr vom Leben gebeutelt und zu bemitleiden ist. Man möchte ihm quasi schon allein deswegen zwei Mal die Woche ein warmes Mittagessen anbieten oder fragen, ob man seine Bügelwäsche machen darf. Ein Hoch auf die Vorurteile! Der Mann ist genau so selbstständig wie ich. Nur mit dem Unterschied, er hat 25 Mitarbeiter, er trägt also noch mehr Verantwortung! Verantwortung für 25 Familien. Er hat aber weder die Größe noch den Erfolg oder den Bekanntheitsgrad seines Unternehmens einzig sich selbst zu verdanken. Er hat eine alt eingesessene und gut laufende Firma übernommen. Er musste nie bei Null starten. Als Unbekannter, als Neuer, ohne jegliche Unterstützung. Ohne Startkapital. Ohne Einkommen. Sein Lebensunterhalt war zu jeder Zeit gesichert.

Aber Väter werden ja grundsätzlich anders gesehen als Mütter. Auch mein Ehemann, den ich über alles liebe, den ich aber um die über ihn gesungenen Loblieder wirklich beneide. Ich möchte um Gottes willen seine Leistung nicht schmälern und ja, er ist ein bemerkenswerter Vater! Aber woran liegt es, dass seine bloße Anwesenheit andere in absolute Verzückung geraten lässt.?

Jedes Windeln wechseln, jedes Bad, jedes Zubettbringen wird beklatscht und als etwas ganz Besonderes dargestellt. Und warum ist es bei uns Müttern selbstverständlich? Warum wird ein Vater zum Helden, nur weil er im Stande ist unfallfrei sein Kind ins Bett zu bringen und eine Mutter wird als Versagerin abgestempelt weil ihr Baby mit drei Wochen noch keine 12 Stunden am Stück schläft. Warum müssen Mütter so sehr um Anerkennung und Lob kämpfen? Niemand käme auf die Idee, einen Vater anzugreifen, zu verurteilen oder nur ein schlechtes Wort über ihn zu verlieren, weil er es nicht auf die Reihe gekriegt hat, das Baby zum Schlafen zu bewegen. Im Gegenteil, da würden Erklärungen gefunden, unterstützende und schützende Floskeln, um den armen, erschöpften Papa in Schutz zu nehmen. Schließlich geht der ja auch noch acht Stunden am Tag arbeiten! Und sich dann noch um das weinende Baby und eine wohlmöglich überforderte Mutter kümmern?! Also bitte!

Acht Stunden arbeiten! Am STÜCK! Nur mit einer Aufgabe acht Stunden beschäftigt sein! Dass das ein Traum von mir ist, das glaubt mir keiner. Was könnte ich alles schaffen, hätte ich für meinen Job acht Stunden am Tag Zeit. Wie erfolgreich könnte ich sein! Leider habe ich aber nicht nur einen, sondern vier Jobs. Nicht weil ich den Hals nicht voll kriege, sondern schlichtweg um zu überleben.
Vier mal 8 Stunden macht 32. Der Tag hat aber nur 24 Stunden. Schade.
Aber wie sagte ein anderer Vater im Spielkreis, als ich es wagte über meine Erschöpfung zu klagen "Du hattest 10 Monate Zeit es dir zu überlegen". Stimmt. Aber weil ich so eine super Mutti bin, die wirklich ALLES für ihre Kinder tun würde, hab ich mich für ein Leben mit ihnen entschieden. Und das nicht erst, als ich von ihrer Existenz wusste. Ohne Applaus dafür zu erwarten.

Aber hin und wieder ein erstauntes "Wie schaffst du das?", eine kleine stehende Ovation, ein anerkennendes, stummes Kopfnicken. Das reicht uns Supermuttis schon um uns für weitere entbehrungsreichen Monate zu stärken.

Hier ist es: Ich bewundere uns! Applaus!

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